© Die Nobelstiftung 2005
»Kunst, Wahrheit und Politik«:
1958 schrieb ich folgendes: »Es gibt keine klaren Unterschiede
zwischen
dem, was wirklich, und dem, was unwirklich ist, genausowenig
wie
zwischen dem, was wahr und dem, was unwahr ist. Etwas ist
nicht
unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr
und
unwahr.«
Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und
weiterhin
gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst.
Als Autor
halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als
Bürger muß
ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar.
Man
findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche
ist
eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere
Aufgabe.
Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert
damit
oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriß, der
der
Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, daß
dies
überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin,
daß sich
in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden
läßt. Es
existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen,
reflektieren,
ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander
zurück, sind
füreinander blind. Manchmal spürt man, daß man die
Wahrheit eines
Moments in der Hand hält, dann gleitet sie einem durch
die Finger und
ist verschwunden.
Man hat mich oft gefragt, wie meine Stücke entstehen. Ich kann es
nicht
sagen. Es ist mir auch völlig unmöglich, meine Stücke
zusammenzufassen,
ich kann nur sagen, dies ist geschehen. Das haben sie
gesagt. Dies haben
sie getan.
Die meisten meiner Stücke entstehen aus einer Textzeile, einem Wort
oder
einem Bild. Dem gegebenen Wort folgt oft kurz darauf das Bild. Ich
gebe
zwei Beispiele für zwei Zeilen, die mir urplötzlich einfielen,
danach
kam das Bild und dann ich.
Es sind die Stücke »Die Heimkehr« und »Alte Zeiten«. Der erste Satz
von
»Die Heimkehr« heißt: »Was hast du mit der Schere gemacht?« Das
erste
Wort von »Alte Zeiten« lautet: »Dunkel«.
Das war alles, was ich jeweils an Informationen besaß.
Im ersten Fall suchte jemand offenbar eine Schere und wollte von
jemand
anders, den er verdächtigte, sie gestohlen zu haben, ihren
Verbleib
erfahren. Aber irgendwie wußte ich, daß der angesprochenen
Person die
Schere ebenso egal war wie die Person, die danach gefragt
hatte.
»Dunkel« verstand ich als Beschreibung der Haare einer Person, der
Haare
einer Frau, sowie als Antwort auf eine Frage. In beiden Fällen
mußte ich
der Sache nachgehen. Dies geschah visuell, ein sehr
langsames
Überblenden vom Schatten ins Licht.
Wenn ich ein Stück beginne, nenne ich die Personen immer A, B und C.
In dem Stück, aus dem »Die Heimkehr« wurde, sah ich einen Mann in
ein
kahles Zimmer kommen und seine Frage an einen jüngeren Mann
richten, der
auf einem häßlichen Sofa saß und eine Rennzeitung las. Ich
ahnte
irgendwie, daß A der Vater und B sein Sohn war, aber ich besaß
keinen
Beweis dafür. Meine Vermutung wurde allerdings kurz darauf
bestätigt als
B (der spätere Lenny) zu A (dem späteren Max) sagt: »Ich
würde jetzt
gerne das Thema wechseln, ja, Dad? Ich möchte dich was
fragen. Unser
Essen vorhin, was sollte das darstellen? Wie heißt so
was? Warum kaufst
du dir keinen Hund? Der würde so was fressen.
Ehrlich. Aber du kochst
hier nicht für ein Rudel Hunde.« Da B also A
»Dad« nennt, schien mir die
Annahme vernünftig, daß es sich bei ihnen
um Vater und Sohn handelte. A
war auch eindeutig der Koch, dessen
Kochkünste offenbar keine hohe
Wertschätzung genossen. Bedeutete das,
daß es keine Mutter gab? Ich
wußte es nicht. Aber, so sagte ich mir,
anfangs wissen wir nie, worauf
alles hinausläuft.
»Dunkel«. Ein breites Fenster. Abendhimmel. Ein Mann, A (der
spätere
Deeley), und eine Frau, B (die spätere Kate), sitzen und
trinken. »Dick
oder dünn?« fragt der Mann. Von wem reden sie? Aber dann
sehe ich am
Fenster eine Frau, C (die spätere Anna), sie steht in einer
anderen
Beleuchtung, mit dem Rücken zu den anderen, ihre Haare sind
dunkel.
Es ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man
Personen
erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt,
vollzieht
sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es
manchmal
einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich
in einer
eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht
mit
offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig,
mit
ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben
lassen
sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit
ihnen ein
endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber
schließlich
merkt man, daß man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu
tun hat, mit
Menschen die einen eigenen Willen und eine individuelle
Sensibilität
besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht
verändern,
manipulieren oder verzerren kann.
Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst
vieldeutige
Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener
Teich, auf dem
man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.
Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man
kann
sie nicht vertagen, sie läßt sich nicht aufschieben. Man muß sich
ihr
stellen und zwar hier und jetzt.
Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige
Probleme.
Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.
Objektivität
ist unabdingbar. Die Personen müssen frei atmen können.
Der Autor darf
sie nicht einschränken und einengen, damit sie seinen
eigenen Vorlieben,
Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muß bereit
sein, sich ihnen aus
den verschiedensten Richtungen zu nähern, unter
allen möglichen
Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu
überrumpeln, ihnen aber
trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen
Weg zu gehen. Das
funktioniert nicht immer. Und die politische Satire
befolgt natürlich
keine dieser Regeln, sie tut tatsächlich das genaue
Gegenteil und
erfüllt damit ihre eigentliche Funktion.
In meinem Stück »Die Geburtstagsfeier« lasse ich, glaube ich, in
einem
dichten Wald der Möglichkeiten einer ganzen Reihe von
Alternativen
Spielraum, bevor schließlich ein Akt der Unterwerfung in
den Brennpunkt rückt.
»Berg-Sprache« behauptet einen solchen Spielraum nicht. Das Stück
bleibt
brutal, kurz und häßlich. Aber die Soldaten im Stück haben ihren
Spaß.
Man vergißt manchmal, daß sich Folterer rasch langweilen. Sie
müssen
etwas zu lachen haben, damit ihnen die Lust nicht vergeht.
Die
Ereignisse in Abu Ghraib in Bagdad haben das natürlich
bestätigt.
»Berg-Sprache« dauert nur 20 Minuten, aber es könnte Stunde
um Stunde
immer so weitergehen, nach demselben Muster, immer so weiter,
Stunde um Stunde.
»Asche zu Asche« andererseits scheint mir unter Wasser zu spielen.
Eine
ertrinkende Frau reckt durch die Wellen die Hand nach oben,
sie
versinkt, sucht nach anderen, aber sie findet dort niemanden, weder
über
noch unter Wasser, sie findet nur treibende Schatten,
Spiegelungen; die
Frau, eine verlorene Gestalt in einer ertrinkenden
Landschaft, eine
Frau, die dem Verderben, das nur anderen bestimmt
gewesen zu sein
schien, nicht entrinnen kann.
Doch so, wie sie starben, muß auch sie sterben.
Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich
auf
keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den
uns
vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat, sondern
nur
an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht
erhalten
bleibt, ist es unabdingbar, daß die Menschen unwissend
bleiben, daß sie
in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit
ihres eigenen
Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes
Lügengespinst, von dem
wir uns nähren.
Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für
die
Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein
hochgefährliches
Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige
binnen 45 Minuten
abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung.
Man versicherte
uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man
erzählte uns, der
Irak unterhalte Beziehungen zu Al Qaida und trage
Mitverantwortung für
die Greuel in New York am 11. September 2001. Man
versicherte uns, dies
sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte
uns, der Irak bedrohe
die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns, es
sei wahr. Es war nicht
die Wahrheit.
Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun,
wie
die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie
sie sie
verkörpern wollen.
Doch bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte ich einen Blick
auf
die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik
der
Vereinigten Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich
glaube,
wir sind dazu verpflichtet, diesen Zeitraum zumindest einer
gewissen,
wenn auch begrenzten Prüfung zu unterziehen, mehr erlaubt
hier die Zeit nicht.
Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während
der
Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die
weit
verbreiteten Greueltaten, die rücksichtslose
Unterdrückung
eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich
dokumentiert und belegt worden.
Aber ich behaupte hier, daß die Verbrechen der USA im selben
Zeitraum
nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn
dokumentiert,
geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt
als Verbrechen
wahrgenommen worden sind. Ich glaube, daß dies benannt
werden muß, und
daß die Wahrheit beträchtlichen Einfluß darauf hat, wo
die Welt jetzt
steht. Trotz gewisser Beschränkungen durch die Existenz
der Sowjetunion
machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten
Staaten ihre
Überzeugung deutlich, für ihr Handeln völlig freie Hand zu
besitzen.
Die direkte Invasion eines souveränen Staates war eigentlich nie
die
bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie
den von
ihnen sogenannten Low Intensity Conflict favorisiert. »Low
Intensity
Conflict« bedeutet, daß Tausende Menschen sterben, aber
langsamer, als
würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe
auslöschen. Es bedeutet,
daß man das Herz des Landes infiziert, daß man
eine bösartige Wucherung
in Gang setzt und zuschaut, wie der Faulbrand
erblüht. Ist die
Bevölkerung unterjocht worden oder totgeprügelt - es
läuft auf dasselbe
hinaus - und sitzen die eigenen Freunde, das Militär
und die großen
Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man
vor die Kamera
und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in
den Jahren, auf
die ich mich hier beziehe, gang und gäbe in der
Außenpolitik der USA.
Die Tragödie Nicaraguas war ein hochsignifikanter Fall. Ich
präsentiere
ihn hier als schlagendes Beispiel für Amerikas Sicht seiner
eigenen
Rolle in der Welt, damals wie heute.
Ende der 80er Jahre nahm ich an einem Treffen in der
amerikanischen
Botschaft in London teil.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten sollte entscheiden, ob man
die
Contras in ihrem Feldzug gegen den nicaraguanischen Staat mit mehr
Geld
unterstützt. Ich gehörte der Delegation an, die für Nicaragua
sprach,
doch das wichtigste Delegationsmitglied war Father John
Metcalf. Der
Leiter der amerikanischen Gruppe war Raymond Seitz (damals
nach dem
Botschafter die Nummer Zwei, später selber Botschafter).
Father Metcalf
sagte: »Sir, ich leite eine Gemeinde im Norden
Nicaraguas. Meine
Gemeindeglieder haben eine Schule gebaut, ein
medizinisches
Versorgungszentrum, ein Kulturzentrum. Wir haben in
Frieden gelebt. Vor
einigen Monaten griffen Contratruppen die Gemeinde
an. Sie zerstörten
alles: die Schule, das medizinische
Versorgungszentrum, das
Kulturzentrum. Sie vergewaltigten
Krankenschwestern und Lehrerinnen,
schlachteten die Ärzte aufs
brutalste ab. Sie benahmen sich wie
Berserker. Bitte fordern Sie, daß
die US-Regierung diesen empörenden
terroristischen Umtrieben die
Unterstützung entzieht.«
Raymond Seitz besaß einen ausgezeichneten Ruf als
rationaler,
verantwortungsbewußter und hochkultivierter Mann. Er genoß
in
diplomatischen Kreisen großes Ansehen. Er hörte genau zu, zögerte
und
sprach dann mit großem Ernst. »Father«, sagte er, »ich möchte
Ihnen
etwas sagen. Im Krieg leiden immer Unschuldige.« Es herrschte
eisiges
Schweigen. Wir starrten ihn an. Er zuckte nicht einmal mit der
Wimper.
In der Tat, Unschuldige leiden immer.
Schließlich sagte jemand: »Aber in diesem Fall waren die
>Unschuldigen<
Opfer einer durch Ihre Regierung subventionierten,
entsetzlichen
Greueltat, einer von vielen. Sollte der Kongreß den
Contras mehr Geld
bewilligen, wird es zu weiteren Greueln kommen. Ist
dem nicht so? Macht
sich Ihre Regierung damit nicht der Unterstützung
von Mordtaten und
Vernichtungswerken schuldig, begangen an Bürgern
eines souveränen
Staates?«
Seitz ließ sich durch nichts erschüttern. »Ich bin nicht der
Auffassung,
daß die vorliegenden Fakten Ihre Behauptungen stützen«,
sagte er.
Beim Verlassen der Botschaft sagte mir ein US-Berater, er schätze
meine
Stücke. Ich reagierte nicht.
Ich darf Sie daran erinnern, daß Präsident Reagan damals
folgendes
Statement abgab: »Die Contras stehen moralisch auf einer
Stufe mit
unseren Gründervätern.«
Die Vereinigten Staaten unterstützten die brutale Somoza-Diktatur
in
Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt von den Sandinisten, stürzte
das
nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender
Volksaufstand.
Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten über
eine
gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine
Reihe
widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent,
einsichtig und
zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile,
anständige,
pluralistische Gesellschaft zu gründen. Die Todesstrafe
wurde
abgeschafft. Hunderttausende verarmten Bauern wurden quasi ins
Leben
zurückgeholt. Über 100000 Familien erhielten Grundbesitz.
Zweitausend
Schulen entstanden. Eine äußerst
bemerkenswerte
Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der
Analphabeten im
Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und
kostenlose
Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt. Die
Kindersterblichkeit ging um
ein Drittel zurück. Polio wurde
ausgerottet.
Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen
als
marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der
US-Regierung war
dies ein gefährliches Beispiel. Erlaubte man
Nicaragua, elementare
Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu
etablieren, erlaubte
man dem Land, den Standard der Gesundheitsfürsorge
und des
Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale
Selbstachtung
zu erreichen, würden benachbarte Länder dieselben Fragen
stellen und
dieselben Dinge tun. Damals regte sich natürlich heftiger
Widerstand
gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.
Ich erwähnte vorhin das »Lügengespinst«, das uns umgibt.
Präsident
Reagan beschrieb Nicaragua meist als »totalitären Kerker«.
Die Medien
generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten
dies als
zutreffenden und begründeten Kommentar. Aber tatsächlich gab
es keine
Berichte über Todesschwadronen unter der sandinistischen
Regierung. Es
gab keine Berichte über Folterungen. Es gab keine
Berichte über
systematische oder offiziell autorisierte militärische
Brutalität. In
Nicaragua wurde nie ein Priester ermordet. Es waren
vielmehr drei
Priester an der Regierung beteiligt, zwei Jesuiten und
ein Missionar des
Maryknoll-Ordens. Die totalitären Kerker befanden
sich eigentlich
nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten
Staaten hatten
1954 die demokratisch gewählte Regierung von Guatemala
gestürzt, und
Schätzungen zufolge sollen den anschließenden
Militärdiktaturen mehr als
200000 Menschen zum Opfer gefallen sein.
Sechs der weltweit namhaftesten Jesuiten wurden 1989 in der
Central
American University in San Salvador von einem Bataillon des in
Fort
Benning, Georgia, USA, ausgebildeten Alcatl-Regiments getötet.
Der
außergewöhnlich mutige Erzbischof Romero wurde ermordet, als er
die
Messe las. Schätzungsweise kamen 75000 Menschen ums Leben.
Weshalb
wurden sie getötet? Sie wurden getötet, weil sie ein besseres
Leben
nicht nur für möglich hielten, sondern auch verwirklichen
wollten.
Dieser Glaube stempelte sie sofort zu Kommunisten. Sie
starben, weil sie
es wagten, den Status quo in Frage zu stellen, das
endlose Plateau von
Armut, Krankheit, Erniedrigung und Unterdrückung,
das ihr Geburtsrecht
gewesen war.
Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die
sandinistische
Regierung. Es kostete einige Jahre und beträchtliche
Widerstandskraft,
doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30000 Tote
untergruben am Ende
den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war
erschöpft und erneut
verarmt. Die Casinos kehrten ins Land zurück. Mit
dem kostenlosen
Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es
vorbei. Das Big
Busineß kam mit aller Macht zurück. Die »Demokratie«
hatte sich behauptet.
Doch diese »Politik« blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt.
Sie
wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als
hätte es
sie nie gegeben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstützten die
Vereinigten
Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt,
und in
vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf
Indonesien,
Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die
Türkei, die
Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile.
Die Schrecken,
die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und
nie verziehen werden.
In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es
sie
wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der
US-Außenpolitik
zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie
gegeben, und sie sind
der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben.
Aber davon weiß man
natürlich nichts.
Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es
passierte,
passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte
niemanden.
Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch,
konstant,
infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben
wirklich
darüber gesprochen. Das muß man Amerika lassen. Es hat
weltweit eine
ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben,
und sich dabei
als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein
glänzender, sogar
geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.
Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der
Welt
ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und
skrupellos,
aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende
stehen sie
ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt
Eigenliebe.
Ein echter Renner. Man muß nur all die amerikanischen
Präsidenten im
Fernsehen die Worte sagen hören: »das amerikanische
Volk«, wie zum
Beispiel in dem Satz: »Ich sage dem amerikanischen Volk,
es ist an der
Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes
zu verteidigen,
und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten
ihres Präsidenten zu
vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen
Volkes unternehmen wird.«
Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken
in
Schach. Mit den Worten »das amerikanische Volk« wird ein
wirklich
luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist
überflüssig. Man
muß sich nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise
erstickt das
Kissen die eigene Intelligenz und das eigene
Urteilsvermögen, aber es
ist sehr bequem. Das gilt natürlich weder für
die 40 Millionen Menschen,
die unter der Armutsgrenze leben, noch für
die zwei Millionen Männer und
Frauen, die in dem riesigen Gulag von
Gefängnissen eingesperrt sind, der
sich über die Vereinigten Staaten
erstreckt.
Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am »low intensity
conflict«.
Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung
aufzuerlegen
oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre
Karten ganz
ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um
die Vereinten
Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den
sie als machtlos
und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein
kleines, blökendes
Lämmchen, das ihnen an einer Leine hinterher
trottelt, das erbärmliche
und abgeschlaffte Großbritannien.
Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je
eines?
Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage
äußerst selten
gebrauchten Begriff - Gewissen? Ein Gewissen nicht nur
hinsichtlich
unseres eigenen Tuns, sondern auch hinsichtlich unserer
gemeinsamen
Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen
wir
Guantánamo Bay. Hunderte Menschen, seit über drei Jahren ohne
Anklage in
Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozeß,
im Prinzip
für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation
existiert
trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte
internationale
Gemeinschaft toleriert sie nicht nur, sondern
verschwendet auch so gut
wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle
Ungeheuerlichkeit begeht ein
Land, das sich selbst zum »Anführer der
freien Welt« erklärt. Denken wir
an die Menschen in Guantánamo Bay? Was
berichten die Medien über sie?
Sie tauchen gelegentlich auf - eine
kleine Notiz auf Seite sechs. Sie
wurden in ein Niemandsland geschickt,
aus dem sie womöglich nie mehr
zurückkehren. Gegenwärtig sind viele im
Hungerstreik, werden
zwangsernährt, darunter auch britische Bürger.
Zwangsernährung ist kein
schöner Vorgang. Weder Beruhigungsmittel noch
Betäubung. Man bekommt
durch die Nase einen Schlauch in den Hals
gesteckt. Man spuckt Blut. Das
ist Folter. Was hat der britische
Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was
hat der britische
Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil
die Vereinigten
Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in
Guantánamo Bay
stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder für
uns oder gegen
uns. Also hält Blair den Mund.
Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von
unverhohlenem
Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des
Prinzips von
internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein
willkürlicher
Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von
Lügen und die üble
Manipulation der Medien und somit der
Öffentlichkeit; ein Akt zur
Konsolidierung der militärischen und
ökonomischen Kontrolle Amerikas im
Mittleren Osten unter der Maske der
Befreiung, letztes Mittel, nachdem
alle anderen Rechtfertigungen sich
nicht hatten rechtfertigen lassen.
Eine beeindruckende Demonstration
einer Militärmacht, die für den Tod
und die Verstümmelung Abertausender
Unschuldiger verantwortlich ist.
Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben,
abgereichertes
Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend,
Erniedrigung und Tod
gebracht und nennen es »dem Mittleren Osten
Freiheit und Demokratie bringen«.
Wie viele Menschen muß man töten, bis man sich die Bezeichnung
verdient
hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein?
Einhunderttausend?
Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur
gerecht, daß Bush
und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof
kommen. Aber Bush war
clever. Er hat den Internationalen
Strafgerichtshof gar nicht erst
anerkannt. Für den Fall, daß sich ein
amerikanischer Soldat oder auch
ein Politiker auf der Anklagebank
wiederfindet, hat Bush damit gedroht,
die Marines in den Einsatz zu
schicken. Aber Tony Blair hat den
Gerichtshof anerkannt und steht für
ein Gerichtsverfahren zur Verfügung.
Wir können dem Gerichtshof seine
Adresse geben, falls er Interesse daran
hat. Sie lautet Number 10,
Downing Street, London.
Der Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Für Bush und
Blair
ist der Tod eine Lappalie. Mindestens 100000 Iraker kamen
durch
amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische
Aufstand
begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert
nicht. Sie
sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot
gemeldet. »Leichen
zählen wir nicht«, sagte der amerikanische General
Tommy Franks.
Ganz zu Beginn der Invasion veröffentlichten die britischen
Zeitungen
auf der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen kleinen
irakischen
Jungen auf die Wange küßt. »Ein dankbares Kind«, lautete
die
Überschrift. Einige Tage später gab es auf einer Innenseite
einen
Bericht und ein Foto von einem anderen vierjährigen Jungen, ohne
Arme.
Eine Rakete hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war
der
einzige Überlebende. »Wann bekomme ich meine Arme wieder?«, fragte
er.
Der Bericht wurde nicht weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt
auch
nicht Tony Blair in den Armen, weder ihn noch sonst ein
anderes
verstümmeltes Kind oder irgendeine blutige Leiche. Blut ist
schmutzig.
Es verschmutzt einem Hemd und Krawatte, wenn man eine
aufrichtige
Ansprache im Fernsehen hält.
Die 2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei Dunkelheit
zu
ihren Gräbern transportiert. Die Beerdigungen finden dezent statt,
an
einem sicheren Ort. Die Verstümmelten verfaulen in ihren Betten,
manche
für den Rest ihres Lebens. Die Toten und die Verstümmelten
verfaulen
beide, nur in unterschiedlichen Gräbern.
Dies ist ein Stück aus einem Gedicht von Pablo Neruda:
»Erklärung
einiger Dinge«:
Und eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und
eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen
Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.
Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit
Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Straßen
das
Blut der Kinder
floß einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf
die die trockene Distel gespien hätte,
Vipern, die Vipern verachten
würden!
Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!
Generäle
Verräter:
seht mein totes Haus,
seht
mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schießt brennendes
Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt
Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den
Sitz
eines Herzens finden werden.
Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der
Erde erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines
Heimatlandes?
Kommt, seht das Blut in den Straßen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den
Straßen! *
Ich möchte ganz unmißverständlich sagen, daß ich, indem ich aus
Nerudas
Gedicht zitiere, keinesfalls das republikanische Spanien mit
dem Irak
Saddam Husseins vergleiche. Ich zitiere Neruda, weil ich
nirgendwo sonst
in der zeitgenössischen Lyrik eine so eindringliche,
wahre Beschreibung
der Bombardierung von Zivilisten gelesen habe.
Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten
jetzt
völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre
offiziell
verlautbarte Politik definiert sich jetzt als »full spectrum
dominance«.
Der Begriff stammt nicht von mir, sondern von ihnen. »Full
spectrum
dominance« bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und
Weltraum
sowie aller zugehörigen Ressourcen.
Die Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt verteilt,
702
militärische Anlagen in 132 Ländern, mit der rühmlichen
Ausnahme
Schwedens natürlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da
hingekommen
sind, aber sie sind jedenfalls da.
Die Vereinigten Staaten verfügen über 8000 aktive und
operative
Atomsprengköpfe. Zweitausend davon sind sofort gefechtsbereit
und können
binnen 15 Minuten abgefeuert werden. Es werden jetzt
neue
Nuklearwaffensysteme entwickelt, bekannt als Bunker-Busters. Die
stets
kooperativen Briten planen, ihre eigene Atomrakete Trident zu
ersetzen.
Wen, frage ich mich, haben sie im Visier? Osama bin Laden?
Sie? Mich?
Joe Dokes? China? Paris? Wer weiß das schon? Eines wissen
wir
allerdings, nämlich daß dieser infantile Irrsinn - der Besitz
und
angedrohte Einsatz von Nuklearwaffen - den Kern der
gegenwärtigen
politischen Philosophie Amerikas bildet. Wir müssen uns
in Erinnerung
rufen, daß sich die Vereinigten Staaten dauerhaft im
Kriegszustand
befinden und mit nichts zu erkennen geben, daß sie diese
Haltung aufgeben.
Abertausende, wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA
sind
nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen
ihrer
Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine
einheitliche
politische Macht dar - noch nicht. Doch die Besorgnis,
Unsicherheit und
Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten
wachsen sehen können,
werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht
schwinden.
Ich weiß, daß Präsident Bush zahlreiche ausgesprochen
fähige
Redenschreiber hat, aber ich möchte mich freiwillig für den Job
melden.
Ich schlage folgende kurze Ansprache vor, die er im Fernsehen
an die
Nation halten kann. Ich sehe ihn vor mir: feierlich, penibel
gekämmt,
ernst, gewinnend, aufrichtig, oft verführerisch, manchmal mit
einem
bitteren Lächeln, merkwürdig anziehend, ein echter Mann.
»Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut.
Bin
Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse,
wenn
er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren.
Wir
hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So
wie
Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewählte
Anführer
einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine
barmherzige
Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem
elektrischen
Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine
große Nation.
Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar.
Er ist einer.
Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische
Autorität. Seht ihr
diese Faust? Das ist meine moralische Autorität.
Und vergeßt das bloß nicht.«
Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches,
fast
schutzloses Dasein. Darüber muß man keine Tränen vergießen.
Der
Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt
jedoch,
daß man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich
eisig. Man
ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man
findet keine
Zuflucht, keine Deckung - es sei denn, man lügt - in
diesem Fall hat man
sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist,
so ließe sich
argumentieren, Politiker geworden.
Ich habe heute abend etliche Male vom Tod gesprochen. Ich werde
jetzt
ein eigenes Gedicht zitieren. Es heißt »Tod«.
Wo fand man den Toten?
Wer fand den Toten?
War
der Tote tot, als man ihn fand?
Wie fand man den Toten?
Wer war der Tote?
Wer war der Vater oder die Tochter
oder der Bruder
Oder der Onkel oder die Schwester oder die Mutter oder
der Sohn
Des toten und verlassenen Toten?
War er tot, als er verlassen wurde?
War er verlassen?
Wer hatte ihn verlassen?
War der Tote nackt oder gekleidet
für eine Reise?
Warum haben Sie den Toten für tot erklärt?
Haben Sie
den Toten für tot erklärt?
Wie gut haben Sie den Toten gekannt?
Woher wußten sie, daß der Tote tot war?
Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide
Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten geküsst **
Blicken wir in einen Spiegel, dann halten wir das Bild, das uns
daraus
entgegensieht, für akkurat. Aber bewegt man sich nur einen
Millimeter,
verändert sich das Bild. Wir sehen im Grunde eine endlose
Reihe von
Spiegelungen. Aber manchmal muß ein Schriftsteller den
Spiegel
zerschlagen - denn von der anderen Seite dieses Spiegels blickt
uns die
Wahrheit ins Auge.
Ich glaube, daß den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz
die
unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle
Entschlossenheit,
als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und
unserer
Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende
Verpflichtung
darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat
zwingend notwendig.
Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen
Vision
verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das
wiederherzustellen, was
wir schon fast verloren haben - die Würde des
Menschen.
* aus Pablo Neruda: »Dritter Aufenthalt auf Erden«, 1937/1947.
Übersetzt
von Erich Arendt, in: »Der unsichtbare Fluß - ein
Lesebuch«
herausgegeben von Victor Farías. Luchterhand, Hamburg, 1994
** aus Harold Pinter: »Krieg«. Übersetzt von Elisabeth Plessen und
Peter
Zadek. Rogner und Bernhard, Hamburg, 2003
© Die Nobelstiftung 2005
(Übersetzung: Michael Walter)
Nachdruck
genehmigt
für
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in
allen
Sprachen
nach
dem
7.
Dezember
2005,
17
Uhr
30
(schwedische
Zeit).
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Veröffentlichung
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die
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Zusammenfassung
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Es bedarf keiner grossen Anstrengung, die von Pinter genannten USA
durch Deutschland zu ersetzen.